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Predigt von Pfn. Rebekka Schönfelder

Der Predigttext für den 19. Sonntag nach Trinitatis steht beim Prophetem Jesaja im 38. Kapitel,
die Verse 9-20.

Liebe Leserin, lieber Leser,

„Regle deine Angelegenheiten, denn du wirst nicht mehr gesund, sondern stirbst.“ Es ist der König Hiskija, dem der Prophet Jesaja diese wahrhaft schreckliche Prognose überbringt; war Hiskija zu diesem Zeitpunkt doch erst rund 40 Jahre alt.
Hiskija lebte und regierte ca. 700 v. Chr. in Jerusalem. Er war ein guter, kluger und weitsichtiger König, der als fromm und gottesfürchtig beschrieben wird. Er renovierte den Tempel und ließ Götzenbilder verschwinden. Aber das beste Leben und die größte Klugheit schützen nicht vor Krankheit und Tod. Und so bekommt Hikija die schonungslose Wahrheit ins Gesicht gesagt. Er spürt selber, wie seine Kräfte immer mehr nachlassen, bis schließlich gar nichts mehr geht, aus dem Krankenlager ein Sterbebett wird. Hiskija wähnt sich am Ende seines Lebens. In einem sehr persönlichen und offenen Rückblick schreibt er: „Ich habe mein Leben zu Ende gewebt, wie ein Weber.“ Dabei ist es für ihn ganz klar Gott, der Leben gibt und nimmt: „Er (Gott) schneidet mich vom Faden ab.“ Gemeint ist der letzte Faden, der abgeschnitten wird, wenn ein Tuch fertig gewebt ist. Dabei leidet er offenbar an starken Schmerzen; als wenn alle Knochen zerbrochen sind, so fühlt es sich an. Wer einmal Sterbende begleitet hat, weiß, wovon Hiskija hier schreibt: Die Schmerzen am ganzen Körper, ein gurgelndes Röcheln, weil die Stimme versagt, die flehenden Augen.
Hiskija richtet seine Augen auf Gott und betet flehend: „Lass mich am Leben.“ Nur Gott kann ihm noch helfen, er ist seine letzte Hoffnung, er ist der Herr über Leben und Tod, über Krankheit und Heilung.
Auch wenn wir heute über die Zusammenhänge von Krankheit und Heilung erheblich mehr verstehen als die Menschen am Ende des 8. Jahrhunderts vor Christus, so bleiben doch auch unsere Fragen nach Leben und Tod letztlich unbeantwortet. Und so sind wir, spätestens wenn es wirlich ans Sterben geht, noch genauso auf Gott geworfen, wie damals Hiskija. Dabei schauen wohl auch wir, wie Hiskija, dann auf unser Leben zurück, wir Schauen auf Schönes und Schweres, auf Gelungenes, aber auch auf Verfehlungen. Schließlich ist keiner frei von Schuld und Versagen.
Ist seine Krankheit vielleicht eine Strafe Gottes? Hat er Schuld auf sich geladen, für die er nun die Quittung bekommt? Aber auch wenn das Alte – anders als das Neue Testament - in weiten Teilen noch am sogenannten Tun – Ergehens – Zusammenahng festhält und Krankheit und Leiden häufig als Strafe Gottes versteht: Hiskija stellt diese Verbindung nicht her. Im Gegenteil. So, wie wir Christen es auch dürfen, vertraut er auch in der größten Not, auch im Sterben noch auf den liebenden Gott, der alle Schuld vergibt. „Du wirfst alle mneine Sünden hinter dich“, vertraut und bekennt er. So kann er ohne offene Rechnugen abtreten. Nicht, weil er sich einbildet ein fehlerloser Mensch zu sein, sondern weil Gott selbst seine Gottesbeziehung in Ordnung bringt.
Allerdings: „Dort unten bei den Toten preist dich niemand; wer tot ist, dankt dir nicht mit Liedern. Wer schon ins Grab gesunken ist, hofft nicht mehr auf deine Treue.“
Spricht hier das ehrliche Bedauern Hiskijas, Gott in Tod nicht mehr loben zu können? Oder versucht er sozusagen mit Gott einen Deal abzuschließen? 'Wenn ich erst einmal Tod bin, dann hast Du nichts mehr von mir, dann kann ich dich nicht mehr loben, nichts mehr für dich tnn? Also lass mich besser am Leben.' Wir wissen es nicht. Auf alle Fälle ist es für Hiskija so eine Art letzter Strohhalm, an den er sich klammert. Jedenfalls kannte das alte Judentum zur Zeit Hiskijas noch keine Hoffnung über den Tod hinaus. Gott galt damals als Gott – nur – der Lebenden. War das Leben vorbei, dann war auch die Gottesbeziehung vorbei. Insofern entspricht das, was Hiskija sagt seinem Verständnis, seinem Glauben: „Wer schon ins Grab gesunken ist, hofft nicht mehr auf deine Treue.“ Hier reicht unser Glaube, unsere Hoffnung weiter. Wir vertrauen darauf, dass das Ende unseres Lebens nicht das Ende ist, weil Gottes Liebe zu uns auch im Tod nicht endet, weil sein Gemeinschaftswille mit uns auch über unseren Tod hinaus reicht.
Ob Gott sich von Hiskijas Flehen und Klagen hat umstimmen lassen? Oder hatte es andere Gründe? Wir wissen es nicht. Jedenfalls: Hiskija wird gesund. Noch einmal 15 Jahre sind dir geschenkt, teilt ihm der Prophet Jesaja mit. 15 Jahre – das ist schon was. Und in der Lebensperspektive der damaligen Menschen wohl noch einiges mehr als für uns heute. Auf jeden Fall war die Heilung Hiskijas so unerwartet und spektakulär, dass sie sogar internationale Aufmerksamkeit erregte und selbst die verfeindeten Assyrer Glückwünsche zur Genesung schickten. Und dass wir selbst nach Jahrtausenden noch von seiner Krankheit und Genesung hören zeigt, dass hier wirklich etwas Außergewöhnliches, etwas Besonderes passiert ist. Bis heute.
Denn auch heute noch gibt es diese seltenen Momente, in denen Menschen vom Sterbebett wieder aufstehen, gegen alle medizinischen Prognosen wieder gesund werden oder zumindest noch etliche halbwegs gesunde Jahre geschenkt beommen. Mit Hiskija dürfen wir hoffen, dass Gott Rettung, Heilung, Hilfe schenkt, unser aussichtslos scheinendes Schicksal noch einmal wendet. Weil er Möglichkeiten hat, die unsere Vorstelleungskraft, unser Denken und Tun übersteigen.
Hiskija jedenfalls hat damals so eine großartige Rettung erfahren. Und er lädt uns ein, in sein Lob- und Dankgebet mit einzustimmen. Nicht nur und nicht erst, wenn wir vielleicht von einer schweren Krankheit genesen sind. Hiskijas Lied ist ein Loblied auf das Leben, auf Gott, der uns das Leben schenkt, jeden Tag neu. Für jeden Tag, den er uns schenkt, können wir ihm danken, für unsere Gesundheit, auch dann wenn wir mit der ein oder anderen Einschränkung leben müssen. Denn das ist nicht selbstverständlich, auch in der heutigen Zeit, in der wir so viele Krankheiten besiegt haben und besiegen können, nicht. Auch heute noch bekommen Menschen die schlimme Nachricht überbracht: Regeln sie ihre Angelegenheiten, denn sie werden sterben. Doch auch wenn das Wunder einer Heilung ausbleibt, dürfen wir darauf vertrauen, dass unser Weg nicht einfach abgeschnitten ist, dass wir nicht in totale Finsternis und völlige Beziehungslosigkeit hinabsinken. Sondern dass Gott noch etwas für uns offen hält.
Und sebst wenn uns dieses Vertrauen – besonders in unseren letzten Stunden – schwer fällt oder gar unmöglich ist, dürfen wir doch sicher sein, dass Gott von sich aus unsere Beziehung zu ihm lebendig und in Ordnung hält. So dass wir ihn auch im Tod noch preisen, ihm – vielleicht sogar erst dann – wirklich aus vollstem Herzen mit unseren Liedern danken.
Amen!

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