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Der Predigttext für den 2. Sonntag nach Trinitatis steht im 1. Korintherbrief im 14. Kapitel. Der Predigttext wird während der Predigt zitiert.

Liebe Leserin, lieber Leser,

1969 wurde der Song „Child in time“ von Deep Purple geschrieben
und im gleichen Jahr veröffentlicht. Zehn Minuten dauerte der Rocksong „O ooooh – oh – a - aaaaah – ah, o – ooooh – oh, ah“.
Ein Klassiker und bis heute einer der bekanntesten und beliebtesten Rocksongs überhaupt, geschrieben gegen den Vietnamkrieg.
Und die Reaktion darauf? Viele Jugendliche waren begeistert, hörten ihn immer und immer wieder in voller Lautstärke. Die Eltern aber hämmerten an die Tür des Jugendzimmers und schrieen genervt: Mach endlich den Lärm aus!!! Das soll Musik sein???
Jugendliche, die ihre Gefühle in diesem und anderen Rocksongs wiederfanden, fühlten sich unverstanden. So geht es wohl auch vielen Jugendlichen heute mit ihren Musikvorlieben und ihren Eltern (und übrigens auch den Eltern mit ihren Musikvorlieben und ihren Kindern). Was Musik mit einem macht, kann außerhalb einer eingeschworenen Fangemeinde kaum einer verstehen.
Und das gilt, auch wenn wir es vielleicht nicht wahrhaben wollen, auch für unser Singen in der Kirche. Wer die Kirchenlieder nicht kennt, der versteht weder die Texte, noch kann er mit dem Melodien viel anfangen. Sie sprechen nicht an, bleiben fremd.

So ähnlich mag es auch Paulus ergangen sein, als er von den phantastischen Gottesdiensten der Gemeinde in Korinth gehört hatte. Aber er war skeptisch: „Bemüht euch also darum, dass euch die Liebe geschenkt wird! Von den Gaben des Geistes wünscht euch besonders die Fähigkeit, prophetische Weisungen zu verkünden. Wenn du in unbekannten Sprachen redest, sprichst du nicht zu Menschen, sondern zu Gott. Niemand versteht dich. Durch die Wirkung des Geistes redest du geheimnisvolle Worte. Wenn du aber prophetische Weisungen empfängst, kannst du sie an andere weitergeben. Du kannst damit die Gemeinde aufbauen, ermutigen und trösten. Wenn jemand in unbekannten Sprachen spricht, hat niemand sonst etwas davon. Wer prophetische Weisungen gibt, dient der ganzen Gemeinde. Ich wünschte, dass ihr alle in Sprachen des Geistes reden könntet; aber noch lieber wäre es mir, ihr alle könntet prophetische Weisungen verkünden. Das hat mehr Gewicht, als in unbekannten Sprachen zu reden, außer es gibt jemand gleich die Deutung dazu, damit die Gemeinde etwas davon hat. Was nützt es euch, Brüder und Schwestern, wenn ich zu euch komme und in unbekannten Sprachen rede? Ihr habt nur etwas davon, wenn ich euch göttliche Wahrheiten enthülle oder Erkenntnisse bringe oder Weisungen von Gott oder Lehren weitergebe. Denkt an die Musikinstrumente, an die Flöte oder die Harfe. Wenn sich die einzelnen Töne nicht deutlich unterscheiden, ist keine Melodie zu erkennen. Und wenn die Trompete kein klares Signal gibt, wird keiner zu den Waffen greifen. Bei euch ist es genauso: Wenn ihr mit eurer Stimme undeutliche Laute von euch gebt, kann niemand verstehen, was ihr sagt. Ihr sprecht dann in den Wind. Oder denkt an die vielen Sprachen in der Welt! Jedes Volk hat seine eigene. Wenn ich nun die Sprache eines anderen Menschen nicht kenne, kann er sich nicht mit mir verständigen, und mir geht es genauso mit ihm. Das gilt auch für euch. Wenn ihr schon so großen Wert auf die Gaben des Geistes legt, dann bemüht euch um die, die dem Aufbau der Gemeinde dienen. An solchen Gaben sollt ihr reich werden.“ Soweit der Predigttext.
Das Problem, um das es Paulus hier geht, scheint auf den ersten Blick mit uns und der Situation in unseren Gemeinden nicht mehr viel zu tun zu haben. Das „Reden in unbekannten Sprachen“, das sogenannte „Zungenreden“ wie Martin Luther übersetzt hat, das damals nicht nur in christlichen Gemeinden sondern überhaupt im religiösen Raum häufig vorkam, gibt es heute nur noch in einigen pfingstlerischen und charismatischen Gemeinden und spielt in unseren Kirchen ansonsten überhaupt keine Rolle mehr.
Die Basisbibel beschreibt das sogenannte Zungenreden als ein Reden in einer einem selber unbekannten Sprache oder einer gar grundsätzlich unbekannten Sprache und galt damals als ein Zeichen besonderer Geistbegabung.
Würden wir heute hier hingegen ein solches „Zungenreden“ erleben, würden wohl die meisten von uns zumindest einmal höchst erstaunt den Kopf schütteln, vermutlich sogar mit großer innerer Abwehr reagieren, vielleicht sogar lautem Protest reagieren.Wir wollen, dass unser Reden, Singen und beten verständlich ist, schließlich wollen wir von dem Gottesdienst etwas mit nach Hause nehmen. Und die Verständlichkeit des Gottesdienstes war ja auch ein wesentliches Anliegen von Martin Luther, weshalb er den Gottesdienst in deutscher Sprache eingeführt hat.
Was also haben die Anfragen, die Paulus an das „Reden in unbekannten Sprachen“ der korinthischen Gemeinde hat, mit uns heute zu tun? Sind unsere Predigten nicht die prophetische Rede, von der Paulus spricht? Versuchen wir nicht Menschen aufzubauen, zu ermutigen, zu trösten?
Aber seien wir ehrlich, unsere „Kirchensprache“ ist vielen, die nicht gerade mit Glaube und Gottesdienst groß geworden sind, fremd. Ich erinnere mich noch, bevor wir die Familiengottesdienste in unserer Gemeinde eingeführt haben, sind viele Tauffamilien schon bei der Eingangsliturgie innerlich „ausgestiegen“, weil ihnen der Text unbekannt, die Bedeutung fremd war. Und all meine Versuche, bei den Taufgesprächen den Eltern den Text mit der Eingangsliturgie in die Hand zu drücken und über die Bedeutung der Liturgie zu sprechen, haben daran nichts ändern können. Während der Eingangsliturgie blätterten die Tauffamilien hilflos in den Gesangbüchern, sahen sich ratlos an – und letztlich habe ich sie während des ganzen Gottesdienstes nicht mehr „hereinholen“ können. Für sie war mein und unser Reden, Beten und Singen letztlich ein Reden in unbekannten Sprachen, zumindest überwiegend.
Und ob es besonders geistbegabt war – darüber mag ich nicht urteilen.
Dagegen erzählte eine Kollegin, dass sie zu den Gottesdiensten in der Coronazeit teilweise auch sehr positive Rückmeldungen bekommen habe, endlich seien die Gottesdienste einfacher, moderner, verständlicher, schlicht deshalb, weil auf die Eingangsliturgie und eine Lesung verzichtet und kein Gemeindegesang „erwartet“ wird. wird. Nun will ich nicht behaupten, dass unsere Gottesdienste grundsätzlich nur noch in dieser verkürzten Form gefeiert werden sollten. Ich weiß, dass vielen Menschen da auch viel fehlen würde, mích eingeschlossen.
Aber wie können wir in unseren Gottesdiensten und Gemeindeveranstaltungen so reden, singen und beten, dass es – wie Paulus es nennt – ein prophetisches Reden wird, ein Reden mit dem wir auch die erreichen, auch die aufbauen, ermutigen und trösten, die nur selten und zu bestimmten Anlässen in unsere Gottesdienste und Gemeindeveranstaltungen kommen? Eine einfache Patentlösung gibt es sicher nicht. Aber vielleicht gibt es ja die Möglichkeit – nach Corona – einmal mit unseren Gemeindemitglieder (und nicht, wie es meist geschieht für und über ihre Köpfe hinweg) Familiengottesdienste oder auch Gemeindeveranstaltungen zu planen, etwa in einer Gemeindeversammlung oder mit der Möglichkeit, schriftlich Ideen einzureichen. Sicher hätten viele daran gar kein Interesse, würden sich gar nicht er zurückmelden. Aber wenn wir nur einige wenige ansprechen würden, wäre das ja auch schon was.
Und vielleicht gäbe es ja (einfache) Möglichkeiten, unsere Familiengottesdienste noch familiengerechter zu gestalten, eine Idee für eine Gemeindeveranstaltung, die auch jüngere Menschen ansprechen würde.
Eins jedenfalls ist klar: Wer die Menschen erreichen will, muss bei den Menschen sein. Nur wer die Sorgen und Nöte, aber auch die Hoffnungen und Wünsche des Anderen zumindest ansatzweise kennt, kann ihm auch das Evangelium glaubwürdig verkündigen.
Amen!

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