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Predigt von Pfn. Rebekka Schönfelder

Der Predigttext für den 15. Sonntag nach Trinitatis steht im
Lukasevangelium im 17. Kapitel, die Verse 5-6.

Liebe Leserin, lieber Lesern

„Herr, stärke unseren Glauben“ oder wörtlich übersetzt: „Herr, mehre unseren Glauben“, bitten die Jünger Jesus. Und wer von uns könnte diese Bitte nicht nachvollziehen. Einen größeren, stärkeren, festeren Glauben wünschen wir uns angesichts der Bedrohungen, vor denen unsere Welt steht, egal ob wir dabei an den Klimawandel, an Afghanistan oder an Corona denken. Wir wünschen uns einen stärkeren, einen festeren Glauben, damit unsere Angst nicht überhand nimmt und wir wie gelähmt sind, einen lebendigeren Glauben, damit die Einsamkeit uns nicht zerfrisst, einen fröhlicheren Glauben, der auch in dieser Zeit noch Ausstrahlungskraft hat. Herr, mehre unseren Glauben, dass ist wohl nicht nur die Bitte der Jünger, sondern – egal ob ausgesprochen oder unasugesprochen – auch unsere Bitte, unsere Sehnsucht.
Neulich sagte eine Dame zu mir, deren Mann Anfang dieses Jahres verstorben ist: „Eigentlich dürfte ich nicht mehr weinen müssen. Und wenn ich doch weinen muss, dann geht es meinem Mann, dort wo er jetzt ist, schlecht.“ Was für schreckliche Vorstellung, was für ein furchtbarer Druck, unter den sich diese arme Frau – wirklich aus ihrem Glauben heraus – stellt.
Dabei wirkt die Antwort Jesu in der Übersetzung Luthers, der leider viele andere deutsche Übersetzungen gefolgt sind, tatsächlich schroff, geradezu abweisend. „Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn“, als hätten wir keinen Glauben, noch nicht einmal so klein wie ein winzig kleines Senfkorn. Als müssten wir uns anstregen, dass unser Glaube mehr, stärker und auch hoffnungsfroher wird. Im Urtext aber heißt es: „Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn“. Hier wird uns dieser Glaube zugesprochen, vielleicht nur winzig klein – wie ein Senfkorn eben – aber immerhin: Jesus traut uns diesen Glauben zu und spricht ihn uns auch zu.
Doch was dann kommt, wirkt eingenartig, verwirrend: Wenn euer Glaube nur so groß ist wie einn Senfkorn, dann könnt ihr diesem Maulbeerfeigenbaum befehlen: „Zieh deine Wurzeln aus der Erde und verpflanze dich ins Meer!“ - und er wird euch gehorchen. Das wirkt völlig absuurd: Ein Baum mit tiefen, festen Wurzeln, der seine Wurzeln aus dem Boden zieht, sich über alles hinwegsetzt und sich dann – ausgerechnet im Meer – wieder einpflanzt. Eigentlich rühmen wir die Gleichnisse Jesu immer, dass er Gott und sein Reich mit Beispielen aus der Lebenswelt der Menschen vergleicht und so den Leuten den Glauben nahebringt. Aber das Beispiel hier ist völlig absurd.
Auf der anderen Seite, ist es nicht so, dass Gott und Glaube in dieser Welt tatsächlich oft als fremd empfunden werden, teilweise sogar von uns Christen? Ja, ist dieser Glaube nicht tatsächlich fremd in dieser Welt? Wenn wir angesichts schrecklicher Krisenherde – denken wir nur etwa an Afghanistan -, angesichts von Klimawandel und Pandemie immer noch von Hoffnung reden – dann ist das fremd in dieser Welt und wird von nicht wenigen tatschlich auch als absurd empfunden.
Ich stelle mir vor, Jesus steht lächelnd vor seinen Jüngern und auch vor uns, es ist ein freundliches, zugewandtes, aber auch ein bisschen trauriges Lächeln: „Das findet ihr absurd mit dem Maulbeerfeigenbaum? Und die Hoffnung, dass die Welt noch nicht untergeht, trotz Pandemie und Klimawandel, und dass man auch als Einzelner ein bisschen was tun kann, es zumindest immer wieder versuchen kann – das findet ihr auch absurd? Und dass nach den vielen syrischen Flüchtlingen 2015 nun auch noch die afghanischen Ortskräfte hier eine Heimat finden können und dass ein gutes Miteinander möglich ist, es vielleicht sogar befruchtend wird, erst recht?
Dabei ist es doch gerade das, was Glaube ausmacht, dass wir Gott mehr zutrauen als unsere Augen sehen, unsere Ohren hören, als wir denken und fühlen können. Das ist es doch, was euren Glauben ausmacht, dass Gott eben auch da noch Wege weiß, wo alle Wege zu Ende zu sein scheinen, dass er es gut mit den Menschen meint, auch wenn alles dem zu widersprechen scheint. Und dass dieses Vertrauen, diese Hoffnung dann auch in Bewegung setzt, sich auch in dem kleinen Rahmen, der dem Einzelnen möglich ist, einzusetzen.
Ich kann mir denken, die Jünger Jesu haben bei diesen Worten an Abraham gedacht, der totzt des fortgeschrittenen Alters die Sache mit den Sternen und der Zahl seiner Nachkommen glauben konnte. Wir denken virlleicht an Paul Gerhardt, der nach 30 Jahre Krieg dichten konnte: „Ermuntert euch und singt mit Schall, Gott, unserm höchsten Gut, der seine Wunder überall und große Dinge tut.“ (EG 322, 2) oder an Martin Luther King und seine Worte „Ich habe einen Traum.“ Vielleicht auch an Dietricht Bonhoeffer und seinen Widerstand im dritten Reich.
Ja, einen solchen Glauben müsste man haben, so fest, so unerschütterlich, so mutig. Aber Jesus stellt den Jünger und auch uns hier eben keine Glaubensvorbilder vor Augen, sondern er lässt einen Baum durch die Luft fliegen, der all unsere Idealbilder von einem besonders festen Glauben davonfliegen lässt. Wenn euer Glaube nur so winzig klein ist wie ein Senfkorn, dann könnt ihr diesem Maulbeerfeigenbaum befehlen: „Zieh deine Wurzeln aus der Erde und verpflanze dich ins Meer!“ - und er wird euch gehorchen.“ Glaube ist kein Wettkampf, keine Leistungsshow nach dem Motto: größer, besser, weiter. Glaube lässt sich überhaupt nicht mit einer Messlatte messen und schon gar nicht ist er durch eine besondere Kraftanstrengung zu erreichen. Jesus hat auch keinen Glaubenswettkampf ausgerufen und gesagt: Nehmt euch ein Beispiel an Abraham oder Martin Luther King.
Vielmehr: Wenn ihr Glauben habt, der nur so klein ist, wie ein winzig kleines Senfkorn, dann genügt das schon. Mehr braucht es gar nicht, mehr ist nicht nötig.
Ich finde das wunderbar entlastend: Wir müssen keine Glaubenshelden sein, unser kleiner, schwacher Glaube, oft genug voller Fragen und Zweifel, genügt. Es macht nichts, wenn unser Glaube sich manchmal klein, vielleicht zu klein, zu schwach, zu wenig hoffnungsfroh anfühlt. Aber es ist unendlich wertvoll, wenn er ausreicht, darauf zu vertrauen, dass Gott nichts zu klein und nichts zu groß ist und dass Gott seine Menschenkinder liebt – dich und mich und dass er ohne uns nicht sein will.
Herr, mehre unseren Glauben, bitten die Jünger Jesu. Und wer könnte diese Bitte nicht verstehen. Aber Jesus sagt: Euer Glaube, so klein er auch sein mag, er genügt. Er genügt, um diese Welt – aus eurem Glauben heraus – ein kleines bisschen besser zu machen.
Und das, liebe Gemeinde, darf dann auch uns genügen.
Amen!

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