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Der Predigttext für den 9. Sonntag nach Trinitatis
steht im Matthäusevangelium im 7. Kapitel, die Verse 24-27.

Liebe Leserin, lieber Leser,

was für ein dramatisches Bild. Platzregen, rüttelnde Winde, die Häuser wanken. Ein Gleichnis, das Angst machen kann: Wird mein Lebens - Haus den wütenden Elementen standhalten oder wird es in sich zusammenbrechen? Gerade weil wir mit unserer Wohnung, unserem Haus Gefühle wie Sicherheit und Geborgenheit verbinden, wirken diese Worte besonders bedrohlich. Wer kennt nicht – zumindest aus den Nachrichten im Fernsehen - Bilder von tosenden Naturgewalten, wo anschließend nur noch Ruinen der Häuser dastehen? Ein zutiefst dramatisches und beunruhigendes Bild, und es weckt die drängende Frage in uns: Was können und / oder müssen wir tun, damit unser Lebens - Haus auf Felsen gebaut ist und sicher steht? Dass es nicht reicht, die Worte Jesu nur mit unseren Ohren zu hören, bzw. nur mit unseren Augen zu lesen, mag wohl einleuchten. Aber was konkret ist damit gemeint, sich nach seinen Worten zu richten? Zumal der im Urtext verwendete griechische Begriff – poiein – eine unglaublich vielfältige Bedeutung hat.
In der Quelle, in der der Evangelist Matthäus dieses Gleichnis vorgefunden hat, stand es wahrscheinlich vor der Erzählung vom Hauptmann (Lukas 7, 1-10), die wir eben als Evangeliumslesung gehört haben. Liest man – wie es in der Quelle ursprünglich der Fall und wie es sich auch im Lukasevangelium darstellt – das Gleichnis vom Hausbau und die Erzählung von dem Glauben des Hauptmanns hintereinander, dann legen sie sich sozusagen gegenseitig aus: Sich nach Jesu Worten zu richten heißt, so zu vertrauen, wie der Hauptmann Jesus vertraut hat, sich darauf einzulassen, dass Jesus helfen will und helfen kann. Und umgekeht: Wer Jesus so vertraut, wie der Hauptmann es getan hat, der eben richtet sich nach Jesu Worten – und hat damit sein Haus auf Felsen gebaut.
Ein völlig anderes Bild ergibt sich im Zusammenhang des Matthäusevangeliums, was auch zeigt, wie sehr das Verständnis und die Aussage biblischer Texte vom Zusammenhang in dem sie stehen, abhängig sind. Sich nach Jesu Worten zu richten, heißt dann, Gott und Jesus zu vertrauen, sich auf sie einzulassen. Der Evangelist Matthäus hat dieses Gleichnis vom Hausbau an das Ende der Bergpredigt gesetzt, will es also offensichtlich als Gipfel und Schlusspunkt der Bergpredigt verstanden wissen. Und die Bergpredigt nun ist eine Ansammlung von Regeln, von deutlich übersteigerten alttestamentlichen Geboten, die die Menschen einzuhalten haben: nicht zu zürnen, nicht begherlich zu blicken, keinen Eid zu schwören, die Nächstenliebe, das richtige Fasten, niemanden zu verurteilen usw. Im Anschluss an unseren Predigttext betont Matthäus noch, dass die Leute Jesu Vollmacht erkannten, was seinen Worten, in diesem Zusammenahng seinen Geboten, natürlich noch einmal ein besoderes Gewicht und einen besonderen Ernst verleiht. Im Kontext des Matthäusevangeliums bedeutet das: Wer all diese und noch manch andere Gebote, die sich im Matthäusevangelium finden, einhält, eben der tut – wie etwa Martin Luther auch übersetzt hat – die Worte, eben die Gebote Jesu und hat somit sein Haus nicht auf Sand gebaut.
Zwei ganz unterschiedliche Deutungen ein und desselben Gleichnisses, die sich – wie schon gesagt - allein aus dem Zusammenhang ergeben, in den dieses Gleichnis jeweils gestellt ist. Lässt sich sagen, welche Deutung die Richtige ist? Zunächst einmal: Hier von richtig oder falsch zu reden ist grundsätzlch problematisch. Wer sich auf seinen Glauben einlässt, wer seinen Glauben ernst nimmt und wirklich lebt, für den ist eben dieser Glaube „richtig“. Einen objektiven Maßstab, den man hier anlegen könnte, um einen Glauben in richtig oder falsch einzuteilen, gibt es so nicht und kann es auch nicht geben. Was aber man sagen kann ist, dass die Quelle, die der Evangelist Matthäus benutzt hat, natürlich älter ist als das Matthäusevangelium selbst. Damit ist natürlich auch die Deutung der Quelle, dass sich nach Jesu Worten zu richten heißt, ihm – und Gott – zu vertrauen, ganz sicher die ältere – und hat von daher auch eine höhere Wahrscheinlichkeit, die ursprüngliche zu sein, das heißt, die die Jesus einst mit diesem Gleichnis gemeint hat. Obwohl eine hundertprozentige Sicherheit hier natürlich nie möglich ist.
Ich möchte die Frage daher noch von einer anderen Seite betrachten. Jesus – und wahrscheinlich stammt dieses Gleichnis tatsächlich von Jesus – Jesus benutzt hier ja ein durchaus heftiges und auch beängstigendes Bild. Ein Bild übrigens, das auch wir so ähnlich heute noch kennen und bentzen, etwa wenn wir von den Stürmen des Lebens sprechen oder davon, dass uns das Wasser bis zum Hals steht. Die Frage ist also, was uns in einer solch (lebens)bedrohlichen Situation, in der die Stürme des Lebens über uns hereinbrechen, tatsächlich Halt geben kann. Wenn Arbeitslosigkeit droht, uns eine schwere Krankheit trifft, wir einen geliebten Menschen hergeben müssen oder wir merken, dass all unsere Sicherheiten wegbrechen – was lässt unser Lebenshaus in einer solchen Situation dennoch sicher stehen? Der Hauptmann aus unserer Evangeliumslesung vertraut darauf, dass Jesus helfen will und helfen kann. Er vertraut auf Jesu Zuwendung zu den Schwachen, den Armen, Kranken, den Menschen mit Behinderungen. Er vertraut darauf, dass Gott es gut mit ihm und seinem Diener meint. Wer Gott vertraut, sich auf seine Liebe und Fürsorge einlässt, der kann sich auch in den Stürmen des Lebens geborgen fühlen. Wer Jesu Worten von der grenzenlosen und bedingungslosen Liebe Gottes Vertrauen schenkt, wer darauf vertraut, sich darauf einlässt, dass er gerade den Schwachen und Leidenden ganz nahe ist, der wird erfahren, dass er auch in den Stürmen des Lebens gehalten und geborgen ist. Das Einhalten von Geboten hingegen mag uns vielleicht selbstbewusst, möglicherweise sogar stolz machen. Und solange in unserem Leben (fast) alles glatt geht, mögen wir uns einbilden auf der sicheren Seite zu sein. Aber was, wenn die Stürme des Lebens einmal mit aller Gewalt über uns hereinbrechen? Dann wird uns auch die noch so genaue Einhaltung von Geboten keine Sicherheit, keinen Halt geben. Eingehaltene Gebote bilden kein tragfähiges Fundament unseres Lebens. Nur das Vertrauen auf den Gott, der mich liebt und für mich da ist, kann mir helfen, den Stürmen des Lebens stand zu halten. Wenn wir uns auf Gottes Liebe und Fürsorge einlassen, werden wir erfahren, dass unser Lebenshaus auf Felsen gebaut ist.
Amen!

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